Das Unsichtbare sichtbar machen:

Im Rahmen eines transnationalen europaweiten Aktionstag am 1. März 2016 wollen wir gemeinsam mit Migrant*innen und Geflüchteten die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen zur Sprache bringen. Mit diesem Aktionstag wollen wir sie ermutigen, ihre Rechte als Arbeiter*innen wahrzunehmen und Forderungen nach Gleichbehandlung zu erheben und durchzusetzen.

Der Aktionstag 1. März 2016 ist für uns ein Ausgangspunkt um die Fragmentierung der Realitäten und der Proteste in einzelnen europäischen Ländern (wie z.B. Griechenland, Italien und Spanien) nach und nach zu überwinden und zu einer gemeinsamen europäischen solidarischen Bewegung gegen die Angriffe der Mächtigen auf die Menschen, und hier zunächst auf die Prekarisiertesten, zu kommen. Zu den Prekarisiertesten gehören Menschen ohne (anerkannte) Ausbildung oder ohne längerfristige Aufenthaltsberechtigung, Migrant*innen, unter ihnen insbesondere Frauen und von verschiedenen anderen Diskriminierungen betroffene Menschen. Weil die herrschende kapitalistische Ausbeutungs- und Austeritätspolitik auf Spaltung und Ausgrenzung beruht, gilt es unsere Solidarität mit diesen Menschen zu bekunden und gemeinsam mit ihnen für ein menschenwürdiges Leben für alle zu kämpfen. Dies bedeutet auch, für einen gesicherten Aufenthalt für alle als Grundlage sozialer Rechte einzutreten. Es bedeutet, für einen die Existenz sichernden Mindestlohn, bezahlbaren und annehmbaren Wohnraum und besser Arbeits- und Lebensbedingungen für alle zu streiten.

Ziel ist es, die Isolation und schwierigen Bedingungen für einen gemeinsamen Widerstand von prekarisierten Menschen zu durchbrechen und nicht das Trennende stehen zu lassen, sondern die Linien des Verbindenden sichtbar zu machen.

Da die Bedingungen für Arbeitskämpfe gerade in prekären Verhältnissen oft besonders schlecht sind, sollen Formen von solidarischen (Streik-) Aktionen auch jenseits von Betriebsstrukturen, basierend auf den sozialen Beziehungen der Menschen im Stadtteil, in Zulieferbetrieben, als Kund*innen und über alle Grenzen hinweg entwickelt werden. Dies bedeutet für uns transnationaler sozialer Streik.

Mit dem Aktionstag 1. März 2016 wollen wir gemeinsam mit Migrant*innen und Geflüchteten deutlich machen, dass es eine enge Verbindung zwischen der Art des Aufenthaltsstatus und der Bedingungen an den Arbeitsplätzen gibt. Wir wollen zeigen, dass ein rassistisch strukturiertes Aufenthaltsrecht, dass das gesamte Alltagsleben unsicher, also prekär werden lässt, Migrant*innen und Geflüchtete zunehmend rechtloser macht. Arbeitslos sind die meisten jedoch de facto nicht. Aber je weniger Rechte sie haben, schlechter können sie sich gegen miese Bedingungen wehren.


Am Aktionstag wird es in verschiedenen europäischen Städten unterschiedliche Aktionen und Versammlungen geben, die den Zusammenhang von Ausgrenzung und Ausbeutung aufzeigen.


In Bielefeld wollen wir mit „Biographien“ (wie das geht erklären wir den Teilnehmenden in einem eigenen Handzettel und auf www.solidarity-not-precarity.eu), Arbeits- und Lebenswelten von Migrant*innen und Geflüchteten sichtbar machen.

Wir wollen ihre Realitäten auf einer Internetplattform sammeln und dann im Rahmen einer nachfolgenden Aktion in die öffentliche Debatte bringen. Darüber werden wir aber gemeinsam mit den teilnehmenden Migrant*innen und Geflüchteten sprechen.

Wir laden Euch ein den Aktionstag 1. März 2016 in Euren Gruppen und Organisationen publik zu machen und würden uns natürlich freuen, wenn auch Ihr einen öffentlich wahrnehmbaren Beitrag leisten würdet.

Eine Liste mit den beteiligten Städten in verschiedenen Ländern Europas findet sich auf:

Plattform des transnationalen sozialen Streik

Hier der transnationale Aufruf der Plattform:

Aufruf Erste März 2016- Ein Tag ohne uns!

24-Stunden ohne uns! Für einen Tag gegen Grenzen und Prekarisierung!

Die Bewegung der Geflüchteten und Migrant*innen hat in den letzten Monaten Europa erneut auf den Kopf gestellt. Sie hat Grenzen überwunden, das Dublin-System bis heute außer Kraft gesetzt, ad absurdum geführt und Bewegungsfreiheit praktisch über Nacht zu einem hunderttausendfach durchgesetzten Recht gemacht.

Sie hat gezeigt, dass Bewegung ein Mittel ist, autoritäre Ordnungen zu verändern. - sie hat uns aus einer Bewegungs-Ohnmacht gezerrt, die wir nach nach einem durch die Durchpressung einer neoliberalen, menschenunwürdigen Austeritätspolitik gefühlt haben. Der Sommer folgte auf einen Frühling, in dem wir in Bewegung waren, in dem wir für einen kurzen Moment dachten der Aufbruch zur Veränderung lässt sich nicht mehr aufhalten. Nach all dem ist dennoch klarer denn je: Bewegungen in Europa sind nötig, ein Aufbegehren gegen die verordnete Alternativlosgikeit sind nötig, um uns gemeinsam Widerständig werden zu lassen.

Die Bewegung der Geflüchteten und Migrant_innen ist eine soziale Bewegung im Wortsinn, die uns allen vor Augen führt, dass auch scheinbar fest gefügte Macht- und Gewaltstrukturen wie das europäische Grenzregime in kürzester Frist ins Schwanken gebracht werden können. Gleichzeitig sehen wir auch: Das das politische System, in dem wir leben, und in ihm die politischen Eliten definieren ihre Demokratie in der gleichen Schnelligkeit neu. Sie setzen zur Verteidigung der herrschenden Ordnung ihre Regeln mit Brutalität und Autorität durch. Doch noch etwas ist Neu: Unüberhörbar stellt sie damit auch die Gesellschaft in Europa drängender denn je und doch neu vor eine Frage.

Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, nach gleichen Rechte für Menschen, nach freier Entfaltung- und Bewegungsfreiheit für Alle, nach Wie und Wovon wir zusammen leben wollen, nach Eigentum, nach Verteilung, nach Demokratie! Vor diesem Hintergrund ruft die Plattform des Transnationalen Sozialen Streiks zu einem europaweiten Aktionstag zum Ersten März 2016 auf. An diesem Tag bringen wir gedanklich und faktisch zusammen, was oft genug in den Debatten, aber auch in unseren Köpfen getrennt wird: das Recht auf freie Bewegung ist engstens verbunden mit dem Recht seinen/ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen.

Die Bedingungen, denen Geflüchtete unterworfen werden stehen in direktem Zusammenhang mit den Bedingungen unter denen migrantische* Arbeit stattfindet. 24 Stunden ohne uns! - An verschiedenen Orten Europas werden unter diesem Motto die „unsichtbaren“ migrantischen Arbeitnehmer*innen durch Streiks und Arbeitsniederlegungen deutlich machen, welche Bedeutung migrantische Arbeit im zeitgenössischen Kapitalismus hat.

24 Stunden ohne uns! - An verschiedenen Orten Europas werden Aktivist*innen und migrantische Arbeiter*innen deutlich machen, wie eng der offizielle Aufenthaltsstatus mit den (schlechten) Arbeitsverhälnissen verbunden sind.

24 Stunden ohne uns! - An verschiedenen Orten Europas werden Aktivist*innen und migrantische Arbeiter*innen Aktionsformen entwickeln, die deutlich machen, dass die Trennung in „nationale“ Verhältnisse eine künstliche ist.

Wir rufen dazu auf gemeinsam mit den unterstützenden Organisationen und Gruppen der Plattform des Transnationalen Sozialen Streiks dem Kampf gegen die Politik der Austerität einen konkreten Ausdruck zu geben.

Unterlaufen wir die verordenete Unterscheidung in „gute“ Kriegsflüchtlinge und „schlechte“ Wirtschaftsflüchtlinge.

Schaffen wir Anknüpfungs- und Anlaufpunkte für diejenigen, die aufgrund ihres prekären Aufenthaltsstatus auch gleichzeitig prekären sozialen Verhältnissen unterworfen sind. Setzen wir der Prekarisierung unsere Solidarität entgegen. Schaffen wir Aktionsformen, um die „Unsichtbaren“ sichtbar aber auch um Zeichen der Solidarität auch denjenigen zugänglich zu machen, die nicht offen kämpfen können.